1985 Pfarrer Dietrich Galter

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    Bericht von Johann Schuff (Kurator in Jakobsdorf 1977 - 1987)

Nachdem Pfarrer Kraus Jakobsdorf verlassen hatte war die Gemeinde ohne Pfarrer.
Wir hätten auch eine Pfarrerwahl veranstalten können, die nötige Seelenzahl war vorhanden (nach der Kirchenordnung mußte eine Gemeinde zumindest 300 Seelen haben, um einen Pfarrer wählen zu dürfen) und es hätten sich auch Pfarrer zur Wahl gestellt, aber das Jakobsdorfer Presbyterium hatte sich darauf geeinigt das Landeskonsistorium zu bitten, uns einen Absolventen vom Theologischen Institut von Hermannstadt als Pfarrverweser (Pfarrer zur Anstellung) in die Gemeinde zu schicken. Darauf hin wurde ich beim Bezirkskonsistorium in Hermannstadt vorstellig und trug dem Bezirksdechanten Pfarrer Michael Schuller die Bitte der Gemeinde vor. Er versprach mir unser Gesuch weiterzuleiten und versprach es auch seinerseits wärmstens zu unterstützen. Das Landeskonsistorium war einverstanden und teilte uns den jungen Pfarrer Heinz Dieter Galter als Pfarrer von Jakobsdorf zu. Dechant Schuller vermittelte mir im Bezirkskonsistorium auch eine Begegnung mit dem jungen Pfarrer. Der erste Eindruck war ein guter und wir besprachen weiter Einzelheiten mit der Übersiedlung.

In den letzten Tagen des September kam Pfarrer Gatler mit einem großen Laster, mit welchem er seine Möbel nach Jakobsdorf brachte. Wir hatten einige Männer aus der Gemeinde zum abladen gebeten, waren erstaunt dass er so viel mitbrachte. Beeindruckt hatte es einige Männer, dass darunter auch eine große Kiste mit allerlei Werkzeug war. Unter andrem hatte er auch eine abgeschlossene Lehre als Orgelbauer.

Am Abend des 4 Oktober 1985 begrüßten wir unser junges Pfarrerehepaar mit einem Ständchen des Kirchenchores und der Adjuvanten. Es war ein milder Herbstabend und es hatten sich viele Leute aus der Gemeinde, Junge und Alte versammelt. Ich hatte die Ehre das Pfarrerpaar  zu begrüßen.

“Sehr geerter Herr Pfarrer, sehr geehrte Frau Pfarrer!

Wir schätzen uns besonders glücklich, dass wir sie heute Abend auf diesem schönen Pfarrhof als unsere neuen Pfarrersleute begrüßen dürfen. Mir fällt die angenehme Aufgabe zu, Ihnen im Namen der ganzen Gemeinde, im Namen der Jungen und der Alten, im Namen der Frauen und Männer dieser Gemeinde ein herzliches “Willkommen” zuzurufen.

Es sind knapp drei ein halb Monate dass wir hier an derselben Stelle, unsere alten Pfarrersleute verabschiedeten, welche unserer Gemeinde ganze 26 Jahre gedient haben und wir sind besonders dankbar, dass sie durch Beschluß des Landeskonsistoriums unserer Gemeinde als Pfarrer zugewiesen wurden. Der Beruf eines Pfarrers ist nicht leicht. Sie haben vor Gott dem Herrn die große Verantwortung übernommen, Menschen zu erziehen und zu unterweisen im Glauben an den Herrn und an seinen Sohn Jesus Christus. Das ist ihre wichtigste Aufgabe, aber viele andere warten noch auf sie.

Wenn man in der Landstraße bei unserer Gemeinde vorüberfährt, oder in das Dorf einbiegt, dann fällt einem sofort die dominierende Lage auf, die unsere Kirche hier auf dem Berg mit ihren Türmen und Mauern und den sie umgebenden Gebäuden, zu welchen auch das Pfarrhaus gehört, einnimmt. Diese Kirche mit ihren Türmen, steht gleichsam als Wächter über der Gemeinde und versinnbildlicht, wenn auch nur symbolisch, die Aufgabe die unsere Kirche hat, zu wachen und zu sorgen.

Dass das Pfarrhaus nicht mitten in der Gemeinde steht, möchten Sie liebe Frau Pfarrer und Sie lieber Herr Pfarrer nicht als Nachteil empfinden, sondern durch noch mehr Bindung mit den Familien und den Menschen dieser Gemeinde auszugleichen versuchen. Da gleiche gilt auch im umgekehrten Fall und ich möchte euch ihr lieben Jakobsdorfer Freunde bitten auch den persönlichen Verkehr mit unsern lieben jungen Pfarrersleuten zu suchen und nicht zu vergessen, dass junge Leute außer einem guten Wort, vielleicht auch materielle oder andere Hilfe brauchen.

Ihnen aber liebes junges Pfarrerpaar wünsche ich dass sie hier in unserer Gemeinde schnell warm werden und das Gefühl und die Zuversicht haben dass sie hier Zuhause sind. Gott den Herrn aber bitten wir, er möge dieser Stunde des Anfangs seinen Segen geben.”

Am 6 Oktober 1985 wurde Pfarrer Dietrich Galter in einem Festgottesdienst von Dechant Michael Schuller als Jakobsdorfer Pfarrer in sein Amt eingeführt. Zu gegen waren auch die Eltern  unseres Pfarrers und auch die Eltern unserer Pfarrerin als auch andere Gäste. Das Presbyterium versammelte sich auf dem Pfarrhof und begleitete den jungen Pfarrer, den Herrn Dechanten und die Gäste in die Kirche. Die Kinder, die Jugendlichen und die Gemeinde stand Spalier vom Pfarrhof bis zum Gotteshaus. Es war ein schönes Bild, denn viele, vor allem unsere Mägde waren in der schönen Kirchentracht.
Der Gottesdienst war sehr beeindruckend, unser Kirchenchor zeigte sein können und der Dechant fand die richtigen Worte in seiner Predigt. Zum Schluß des Gottesdienstes segnete unser junge Pfarrer die Gemeinde. Wir Jakobsdorfer aber waren froh dass wir jetzt wieder einen eigenen Pfarrer hatten.

Zum Festessen trafen die Presbyter mit ihren Frauen sich in der großen Kapitelsstube auf dem Pfarrhof mit dem jungen Pfarrerehepaar, mit deren Eltern, dem Dechanten mit seiner Gattin und den andern Gästen.

Die nach dem Mittagessen gehaltene Tischrede des Kurators war wieder eine Pflichtübung und hatte ungefähr folgenden Inhalt.

“Liebes junges Pfarrerehepaar, liebe Gäste!

An diesem für unsere Jakobsdorfer Gemeinde so bedeutungsvollen Tag, nachdem wir nun wieder einen eigenen Pfarrer haben, erlaube ich mir, als Kurator dieser Gemeinde, ein paar Worte zu sagen. Zuallererst begrüße ich aber in unserer Mitte unseren ehrwürdigen Herrn Dechanten mit seiner Frau Gemahlin, die Eltern unseres jungen Pfarrerehepaars und alle andern Gäste. Es ist für uns eine große Freude, mit ihnen, wenn auch nun in kleinerem Kreis, die Einführung unseres Pfarrers zu feiern. Ich möchte ihnen Herr Dechant, im besondern danken, dass sie uns nachhaltig unterstützten, als wir bei dem Landeskonsistorium um die Zuteilung eines Absolventen von unserem Theologischen Institut baten.

Ich will nun im folgenden versuchen einiges über Jakbosdorf und seine Einwohner zu erzählen.

Unsere Gemeinde war schon immer eine freie Königsbodengemeinde und gehört wohl zu den Siedlungen welche schon Ende des 12 ten oder Anfang des 13 ten Jahrhunderts gegründet wurden. Besonders beeindruckend ist die auf diesem Berge gebaute Kirche und Kirchenburg mit ihrem imponierenden Bergfried, der größte im ganzen Harbachtal.

Jakbosdorf war schon immer eine mittelgroße Gemeinde. Der Bevölkerungshöchststand wurde mit 800 sächsischen Seelen im Jahre 1940 erreicht. Heute leben hier noch etwa 430 Sachsen. Wirtschaftlich ging es nach der Weltwirtschaftskrise der dreissiger Jahre wieder bergauf. Haupteinnahmen kamen von der Milchwirtschaft und der Schweine- und Ochsenmast. In den Krisen geschüttelten Jahren hat es mit der Zahlung der Kirchensteuer schon auch Probleme gegeben, aber heute ist das kein Problem mehr.

Seit der Reformation hat es in Jakobsdorf 26 Pfarrer gegeben, sie Herr Dietrich Galter sind der 27 te. Das Durchschnittsdienstalter ist mehr denn 16 Jahre, eine Statistik mit der wir uns sehen lassen können. Übrigens sind die meisten von diesen Pfarrern auch hier begraben.

Das geistliche Leben ist in der Gemeinde nichtüberragend, aber doch irgendwie zufriedenstellend Unser Kirchenchor wartet nur auf seinen jungen Dirigenten und unsere Adjuvanten tun auch noch ihren Dienst.

Der durchschnittliche sonntägliche Gottesdienst an gewöhnlichen Sonntagen wird von ca. 10 - 12% der Jakobsdorfer besucht. Probleme gibt es dabei mit unseren Jugendlichen, von deren Plätzen in der Kirche oft viele unbesetzt bleiben. Aber wir sind überzeugt dass auch hier unser junges Pfarrerehepaar Abhilfe schaffen wird.

Unsere 4 Nachbarschaften funktionieren noch gut in unserer Gemeinde. Nachbarschaftshilfe wird anstandslos geleistet wenn sie beansprucht wird. Unsere Sittage werden immer an dem letzten Samstag vor dem Aschermittwoch abgehalten und wir scheuen auch nicht davon zurück Nachbarn zu bestrafen, wenn sie ihren Pflichten nicht nachgekommen sind.

Vor jedem Abendmahl kommen die Nachbarn bei dem Nachbarvater zusammen um sich zu versöhnen.

Außerdem versuchen wir Sitte, Tracht und Brauchtum lebendig zu erhalten. Unsere Mägde als auch die Frauen kommen noch in der Kirchentracht zum Gottesdienst, weniger die Männer und die Burschen.

Jährlich feiern wir den Marienball, wo wir es bei dem Trachtenaufmarsch schon manchmal über 50 Trachtenpaare brachten. Dieser Trachtenaufmarsch, als auch die Heimatlieder welche wir immer mit großer Begeisterung singen, geben dieser Unterhaltung immer eine eigene Note. Dieser Trachtenball ist das bedeutendste Ereignis des ganzen Winters. Schon manches Trachtenhemd wurde wieder genäht und bei den Männern waren Stiefel und Stiefelhosen wieder gefragt.

Taufe und Hochzeiten sind in unserer Gemeinde Feste welche nicht nur die betroffene Familie angehen. Besonders bei Hochzeiten gibt es kaum eine Familie im Dorf, welche nicht mit etwas Eßbarem dazu beiträgt. Wir haben in Jakobsdorf den schönen Brauch dass eine der Mägde, der Reihe nach, an jedem Sonntag unserem Pfarrer einen schönen Blumenstrauß überreicht.

Vielleicht haben auch sie schon davon gehört dass die Jakobsdorfer den Spitznamen “die Stundenten” haben. Es ist meiner Meinung darauf zurückzuführen, dass Jakobsdorf schon immer einen ansehnlichen Prozentsatz von Schülern auf höheren Schulen hatten, also eine positive Sache. Bezeichnend ist dass die Rektoren der Jakobsdorfer Schule seit dem Jahr 1774 bis zum Jahr 1948, mit ganz kleinen Ausnahmen, alle Jakobsdorfer waren.

Ich habe ihnen bis jetzt fast nur positives von Jakobsdorf erzählt aber auch hier bei uns gibt es Negatives, so wie in jeder andern Gemeinde. Wir haben jahrelang gekämpft bis wir den Sittag der Nachbarschaften von 2 Arbeitstagen ans Wochenende verlegen konnten. Aus purer Sturheit und falschverstandenem festhalten an “altem Brauch”, also verbohrte Sturheit und nicht zugeben wollen dass der Mensch auch manchmal auf der Verliererseite stehen kann. Wenn es manchmal im Streit um gewissen Änderungen im gesellschaftlichen Leben ging, fand man dann doch bei der Versöhnung wieder zusammen und sagte “verzeihe mir”.
Also bin ich doch wieder bei dem Positiven angelangt.

Bevor ich zum Schluß komme, möchte ich noch kurz auf die “Aufgaben unserer Pfarrfrau” zu sprechen kommen. Schon immer hat unsere Pfarrerin eine besonders verantwortungsvolle Rolle im Leben der Gemeinde gehabt. Schon seit der Gründung des Frauenvereins im vorigen Jahrhundert, war, mit kleinen Ausnahmen, immer die Pfarrerin die Vorsteherin. Der Frauenverein besteht nun allerdings unter diesem Namen nicht mehr, er besteht aber, wie wir alle wissen unter andrem Namen. Besonders aktiv ist auch heute noch der “Ausschuß” der Frauen.

Dieser Ausschuß wird von der Pfarrerin geleitet. Die Bescherung der Kinder am Weihnachtsabend ist eine der Aufgaben. Dazu gehören viele Vorbereitungen.  Außerdem kommen die Ausschußfrauen im Winter einmal wöchentlich zusammen, im Kränzchen. Das diese Kränzchenabende nicht nur ein Tratschabend ist, dafür sorgt die Frau Pfarrer, indem sie ab und zu eine schöne Geschichte vorliest.

Auch die mannigfaltigen Vorbereitungen für den Frauenball am Marientag, fallen in ihr Aufgabengebiet.
So kümmert sich der Ausschuß auch für die Pflege der
Soldatengräber aus dem ersten Weltkrieg.
Auch die Alten und Kranken und andere Hilfsbedürftige in der Gemeinde werden besorgt und betreut.
Sie sehen, die Frauen haben viele edle Aufgaben und angeleitet und geführt werden sie immer von der jeweiligen Frau Pfarrer.

Sie sehen liebes junges Pfarrerehepaar es warten viele Aufgaben hier in unserer Gemeinde auf sie. Aber sie sind nicht allein. Sie werden unterstützt von einem aktiven Presbyterium, von einem noch aktiveren Ausschuß, von einer verständnisvollen Gemeindevertretung und vielen andern Frauen und Männern unserer Gemeinde.

Dazu wünschen wir ihnen Kraft und Gesundheit, Ausdauer und Stehvermögen. Unser lieber himmlische Vater möge unsere gemeinsame Arbeit zum Wohle unserer Gemeinde segnen.”

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