1974 Vorverlegung der Fusnicht

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Bericht von Johann Schuff (Kurator in Jakobsdorf 1977 - 1987)

In unserer Heimatgemeinde wurde die Fusnicht, soweit wir das zurückverfolgen konnten, immer am Aschermittwoch abgehalten und das mag schon seit ihrem Bestehen, also viele Jahrzehnte oder sagen wir Jahrhunderte, so gewesen sein. Dabei gab es diesbezüglich keine einheitliche Regelung im Sachsenland und jede Gemeinde hatte ihre eigene Vereinbarung bezüglich des Zeitraums.

Seit 1959 war Michael Kraus Pfarrer in Jakobsdorf. Er konnte sich mit der alten Ordnung, nach der erst am Aschermittwoch in Jakobsdorf Fusnicht war und dann am Donnerstag der Tag der ausgelassenen Lustbarkeiten war, nicht anfreunden, war doch nach theologischem Verständnis der Aschermittwoch der erste Tag in der Fastenzeit. Zuerst blockten wir das Thema ab mit der Begründung, dass Fusnicht in Jakobsdorf am Aschermittwoch ein ungeschriebenes Gesetz sei und diese bekanntlich viel stärker seien als die geschriebenen. Damit gab sich Herr Pfarrer Kraus vorerstmal zufrieden.

Nach einigen Jahren kam das Problem der Verlegung der Fusnicht wieder zur Sprache.  Außer der theologischen Komponente kam jetzt auch noch ein anderes Argument dazu. Ein großer Teil unserer Männer, vor allem die Jüngeren waren angestellt, viele auf der Staatsfarm aber auch viele mußten auswärts arbeiten. Unser Aschermittwoch und der nachfolgende Donnerstag, waren keine Feiertage sondern ganz gewöhnliche Arbeitstage und da hatte mancher Schwierigkeiten 2 Tage frei zu bekommen. Viele entschieden sich erst am Donnerstag Zuhause zu bleiben, weil dieser Tag der Tag der Lustbarkeiten, des Frohsinns und der Unterhaltung waren. Alle verantwortlichen Männer der Gemeinde wollten aber die Mehrzahl aller Nachbarn schon am ersten Tag und vor allem beim Zugang dabei haben. So freundeten sich immer mehr Männer mit der Verlegung der Fusnicht auf das Wochenende vor dem Aschermittwoch an.

Nach eingehender Beratung, lud das Presbyterium alle Männer der Gemeinde, das ungefähr im Januar des Jahres 1974 war, in den Betsaal unserer Gemeinde zu einer Beratung ein. Einziger Tagesordnungspunkt:
“Vorverlegung der Fusnicht”.
Das war ein heißes, viel umstrittenes Thema und so kamen auch viele Männer zu der Versammlung, so dass fast nicht genügend Platz war. Kurator
Barthmes Nr. 74 eröffnete die Versammlung, ermahnte die Männer nach reiflicher Überlegung eine Entscheidung zu fällen und übergab das Wort an Herrn Pfarrer Michael Kraus, welcher nun versuchte den Antrag des Presbyteriums zu begründen. Bei der sich anschließdenden Diskussion meldeten sich einige Befürworter und einige Gegner des Antrages zu Wort. Die Gegner des Antrages verwiesen vor allem auf die Tradition des Aschermittwochs in Jakobsdorf hin und befürchteten dass wir dadurch einen jahrzehnte ja jahrhundertalten Brauch aufgeben würden und dadurch die Fusnicht nicht mehr den Stellenwert haben würde, wie das schon immer der Fall war. Sie wollten nicht erkennen, dass es den Befürwortern des Antrags vor allem um die Erhaltung des Nachbarschaftswesens in unserer Gemeinde und um die dazugehörige Feierlichkeiten ging und um den Männern, welche zum großen Teil angestellt waren, die Möglichkeit geben, vor allem an dem Zugang teil zu nehmen. Die Meinungen prallten aufeinander und bei der Abstimmung wurde der Antrag des Presbyteriums mit nur einer Stimme Mehrheit angenommen. Natürlich waren die Gegner sehr enttäuscht und bei dem Nachhause gehen sagte einer der Männer welcher zu den Gegnern des Antrages gehörte: “Jetzt können wir nicht mehr singen: Mer wallen blaiwen wot mer sen.”

Zugleich hatten wir beschlossen dass der Gottesdienst am Samstag vor Beginn des Zugangs stattfinden sollte, wo alle Männer dabei wären und anschließend zu dem jeweiligen Nachbarvater zum Zugang gehen sollten.

Der Aschermittwoch rückte näher. Seit einigen Jahren gingen wir alle 4 Nachbarschaften, am 2 ten Tag, also am Donnerstag, in den großen von den Sachsen im Jahre 1937 erbauten schönen Gemeindesaal, und feierten hier zusammen.

Diesmal sollte nun der Zugang, also die Fusnicht, nicht mehr am Aschermittwoch sondern am Samstag vorher stattfinden. Der Nachbarvater der ersten Nachbarschaft, wollte noch einige Sachen mit dem Nachbarvater der 4 ten klären, dieser wollte aber nicht allein entscheiden und rief die Männer am Abend zusammen. Die Gegner der vor einigen Wochen von den Männern der ganzen Gemeinde getroffenen Entscheidung, (ich beziehe mich auf die in dieser Nachbarschaft) sahen für sich eine Chance, in ihrer Nachbarschaft zu opponieren und zumindest in ihrer Nachbarschaft die Vorverlegung zu kippen. Sie machten den Antrag noch einmal abzustimmen, dafür oder dagegen. Der Nachbarvater konnte das nicht verhindern, er war zu schwach dazu. Die Einsichtigen und Vernünftigeren schwiegen leider und bei der Abstimmung waren die Lautstarken in der Mehrheit. Man stelle sich die Ungeheuerlichkeit dieses Geschehens einmal vor. Eine Nachbarschaft, das heißt einige Uneinsichtige, welche sich der Tragweite ihres Handelns nicht bewußt waren, bringen ihre Nachbarschaft dazu, gegen den Beschluß der ganzen Gemeinde zu revoltieren.

Damit war das Rad ins rollen gekommen. Die Erste und Zweite Nachbarschaft, brachten es nicht fertig, sich klar zu entscheiden, also hing nun alles von der Dritten ab. Hier waren die Wortführer der Gegner der Vorverlegung unserer Fusnicht zu hause.

Auf die vernünftige Frage eines Nachbarn, ob die Dritte denn eine andere Entscheidung treffen könne, als es die Männer der ganzen Gemeinde schon getan hätten, antwortete der Altkurator, dass sie für sich allein schon anders entscheiden könnten. Bei der nun folgenden Abstimmung waren die Gegner der Vorverlegung der Fusnicht in der Mehrheit und damit war die Sache gelaufen. Es hatte sich wieder einmal bewiesen, dass trotz besserem Wissen und logischem Denken, eine Entscheidung sich durchsetzen konnte, die eigentlich schwer nachvollziehbar ist. Es war nicht nur ein stures Festhalten an Überlieferungen, welche nicht mehr gelten konnten, da die Zeiten sich grundlegend geändert hatten, sondern es war alles zu einer Prestigefrage hochgeschaukelt worden.

Die Sache ist aber noch nicht zu Ende.
Im Jahre 1974 waren in Rumänien Parlamentswahlen, sogenannte Parlamentswahlen. Da es zur Zeit der kommunistischen Diktatur immer nur eine einzige Kandidatenliste gab, konnte der Bürger auch nicht wählen, er konnte nur den Namen des Kandidaten ankreuzen oder streichen. Dazu hatten die wenigsten den Mut und es hätte am Resultat auch nichts geändert. Statt 99,9% der Stimmen, wären dann 99,8% gewesen.

In unserem Agnethler Wahlkreis, wohin auch Jakobsdorf gehörte, war als Kandidat für die Abgeordnetenwahl der Bischofsvikar der evangelischen Landeskirche in Rumänien Dr. Hermann Binder aufgestellt worden. Er mußte nun mit amtlichen Vertretern der kommunistischen Partei des Kreises Hermannstadt, jede Gemeinde seines Wahlkreises besuchen und Wahlpropaganda machen. Dabei hatte es sich zufällig ergeben, dass diese Wahlpropagandaversammlung in Jakobsdorf, gerade am Aschermittwoch stattfinden sollte. Als die Nachbarväter in dem Volksrat (Kanzlei) vorsprachen, um unsere Fusnicht anzumelden und für den Donnerstag, also den zweiten Tag den Saal zu verlangen, meldete der Bürgermeister große Bedenken an. Ihr könnt an diesem Mittwoch keine Fusnicht halten, weil eben diese Wahlversammlung stattfinden soll und euer Bischofsvikar eine Wahlrede halten soll. Ihm war auch der Streit der Sachsen wegen der Vorverlegung der Funicht nicht verborgen geblieben. Unsere Nachbarväter waren zufrieden, also kam wieder der Samstag vorher in Betracht. Diese Nachricht verbreitete sich mit Windeseile im Dorf. Aber unsere Scharfmacher wollten sich nicht geschlagen geben. Einige von ihnen gingen in die Kanzlei und überzeugten den Bürgermeister mit ihrem Argument, dass alle 4 Nachbarschaften geschlossen zu der Versammlung kommen würden, die Frauen aber in ihren schönen Tracht mit der Haube auf dem Kopf und dem schönen Fusnichtanzug und wer von uns hätte dazu nein sagen können, denn das wäre gleich politisch ausgelegt worden.

Also fand die Fusnicht der Sachsen am Aschermittwoch statt und nicht wie von den Männer der ganzen Gemeinde beschlossen, am Samstag vorher.

Die “Revolutionäre” hatten sich durchgesetzt.

Das ist aber noch nicht das Ende.
Gottseidank gab es in Jakobsdorf auch noch vernünftige logisch denkende Männer und Frauen. Die Initiative ging diesmal von der ersten Nachbarschaft aus. Nachdem sich die Zahl der auswärts arbeitenden Männer, welche auf keinen Fall 2 Arbeitstage, mitten in der Woche fehlen konnten, immer größer wurde, drängten die darauf, alles zu unternehmen, dass unsere Fusnicht, auf das davor liegende Wochenende vorzuverlegen. Daraufhin nahm der ältere Nachbarvater der Ersten,
Georg Wagner Nr. 29, Verbindung mit den anderen Nachbarvätern auf und erklärte ihnen, dass sie den Richttag an dem vorhergehenden Wochenende abhalten würden und zwar unabhängig davon, was die andern Nachbarschaften machen würden. Bei der Zweiten fanden sie offene Ohren und die andern Nachbarväter konnten sich der zwingenden Notwendigkeit dieses Entschlusses nicht entziehen.

So machte Herr Pfarrer Kraus große Augen, als ich, seit Spätherbst 1977 Kurator der Gemeinde bei ihm vorsprach und ihm die neue Lage vortrug. Wir einigten uns, dass wir, so wie schon früher vorgesehen, am Samstag vor dem Aschermittwoch, mit allen Männern der Gemeinde, in der Kirche einen Versöhnungsgottesdienst abhalten sollten. Dazu läuteten wir schon um 9 Uhr nur eine halbe Stunde. Die Männer nahmen alle unten, also in den Bänken der konfirmierten Mädchen und der älteren Frauen, ihre Plätze ein. Nach der Predigt kam die Eröffnung des gemeinsamen Zugangs durch den Kurator mit den alten bekannten Worten. Dann wurde eine Bilanz des abgelaufenen Jahres gezogen und die Aufgaben für das neue Jahr besprochen. Diese Vorschläge sollten dann auch in den Nachbarschaften besprochen werden. Bindend waren sie, wenn auch die Gemeindevertretung, auf Vorschlag des Presbyteriums sie beschlossen hatte. Auch dieser Zugang wurde mit den so bedeutsamen Worten “Täschen desen 4 Woinden, soal allest beoinden”, geschlossen. Wir hatten diesen Gottesdienst “Versöhnungsgottesdienst” getauft, dabei sollte jeder jedem die Hand geben mit den Worten “Verzeihe mir, wenn ich dich mit etwas beleidigt habe” (auf sächsich). Die Männer kamen alle zum Chorraum, gingen um das Taufbecken herum. Der Pfarrer stand als Erster dort. Der Kurator bat ihn um Verzeihung, stellte sich neben ihn und so ging es reihum, so dass jeder jedem die Hand geben konnte. Die Reihe verlängerte sich bis zum Ausgang. Die seelische Bewegung war bei manchen so stark, dass ich oft auch Tränen in den Augen glänzen sah.

Es mag vielleicht Ende der 70 Jahre gewesen sein, als wir unsern ersten gemeinsamen Zugang mit Versöhnungsgottesdienst in der Kirche abhalten konnten, als Auftakt zu der vorverlegten Fusnicht.

Der Richttag der jeweiligen Nachbarschaften fand dann wie üblich bei den Nachbarvätern statt. Der 2. Tag, in diesem Fall der Sonntag, wurde mit allen 4 Nachbarschaften im Saal gefeiert. Reiherum, an den Wänden, wurden nachbarschaftsweise die Tische und Bänke gestellt und in der Mitte blieb der Platz fei zum Tanzen.

Da wir annahmen, dass im nächsten Jahr noch mehr Männer zum Eröffnungs- und Versöhnungsgottesdienst kommen würden, (wir hatten die Teilnahme nicht als Pflicht beschließen lassen) sahen wir uns enttäuscht. Es kamen nicht mehr, es kamen weniger. Es pendelte sich dann so ein, dass von der Ersten und Zweiten fast alle Männer dabei waren, aus der Dritten und Vierten ungefähr 30-40%. ich verstand die Nichtteilnahme am Versöhnungsgottesdienst als passiven Wiederstand gegen die nun endgültige Vorverlegung unserer Fusnicht. Dabei wurde und wird mir immer wieder bewußt, wie schwer es doch für einige unserer Männer war, im Leben manchmal auch den Kürzeren zu ziehen und zu den Verlierern zu gehören.

Ich habe diese Begebenheit bewußt so breit erzählt. Es hat sich vor ca. 40 Jahren so zugetragen und kann ohne weiteres zum Charakter und Selbstbildnis der Jakobsdorfer gezählt werden.

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