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Jakobsdorf, 13.05.1990 Liebe Schwägerin, lieber Bruder! Deinen letzten Brief, lieber Henz, habe ich vor einem Monat erhalten, will ihn nun aber doch noch beantworten. Es wird wohl der letzte Brief, den ich Euch aus unserer Heimat schreibe, sein. Ich merkte es bei Deinem Abschied, daß es Dir schwer fiel. Du hast es mit eigenen Augen gesehen, daß unser liebes Jakobsdorf für uns verloren ist. Laß Dich ja nicht von Heimweh überfallen. In den letzten Jahren bin ich öfters vor das Gassentürchen getreten, habe meine Blicke auf den Turm, die Kirche, das Pfarrhaus, die Schule, wo wir schöne Tage erlebt haben, als auch auf den Saal geworfen, ich sah sie viel schöner als in jungen Jahren, ich sah sie wie Wächter auf dem Berge stehen. Ich warf den Blick auf die vielen schönen Häuser, die bekunden, daß sächsischer, deutscher Fleiß sie errichtet hat. Aber leider ist nicht mehr das sächsische, deutsche Gefühl in der jetzigen Generation wie es sich uns ins Herz geprägt hat. Diese jungen Leute, welche in dem vergangenen Regime herangewachsen sind, können die schöne Tradition, die schönen Bräuche, welche wir von der Wiege bis zum Grabe hatten, nicht so wert schätzen wie wir. Dieses alles war der Bestand des Sachsenvolkes, wie sich dieses verloren hat, verlieren wir uns als Völkchen. Über dieses müssen wir nun mit dem Verstand hinüber kommen, nicht mit dem Herzen. Du schreibst wie Herr Pfarrer Konnerth gesagt hätte: “Völker kommen und vergehen”, das habe ich auch schon öfters gedacht. Wie war es als er bei uns war, alles war bestrebt immer mehr in sächsischen Besitz zu bringen (zurückzubringen). Dann denke ich auch, auch dieses muß von Gott dem Herrn bestimmt sein, denn ohne seinen Willen geschieht ja nichts. Wenn man sieht welche Leute jetzt die Mehrheit sind, dann muß man nur sagen: Unter diesen Leuten können wir nicht mehr bestehen. Mein Nachbar (der ehemalige Bürgermeister) sagt man hat fast Angst auf dem Hattert, man sieht keine Leute mehr arbeiten. Es bangt auch ihnen um die Zukunft. Diese Leute arbeiten nicht, es soll auch viel Boden nicht angebaut sein. Wie war es doch auch nur vor Jahren, die Sachsen liefen auf die Farm, auf die Kolektivwirtschaft, jetzt sieht es ganz anders aus.
Nun ihr Lieben, noch einiges von unserem Dasein. Den Paß und das deutsche Visum haben wir. Jetzt noch mit den Kisten und die Fahrkarten. Die Schwindlerei (bei dem Zoll) ist jetzt noch viel größer als ihr wegzoget. Henz (ihr Sohn) meint, wenn es klappt, dann fahren wir am ersten Juni von hier weg. Das österreichische Visum brauchen wir auch noch. Dann kämen wir gerade am Pfingstag an, aber es wird ja auch vergehen. Heute ist Muttertag. Heute wäre unsere liebe Mutter 100 Jahre alt geworden. Ich war auf dem Friedhof. Henz hat zwei Deckel gemacht, für das Grab meines Mannes und auf unser Elterngrab. Sie sind gut geworden. Die Stiefmütterchen waren in der schönsten Blüte, aber wir mußten sie ausreißen. In der Kirche war es wieder schön, ich denke ich werde den Verlust so sehr empfinden. In der vorvergangenen Woche war Johann Wecker 59 gestorben, noch konnte er schlechthin mit Musik begleitet werden. Ohne Kurator ist die Gemeinde auch geblieben. Heute haben die Bischofswahlen stattgefunden. Sonst meine Lieben wie geht es Euch? Seid Ihr munter? Ich wünsche Euch die beste Gesundheit, grüße Euch mit den schönsten Heimatgrüßen und bleibt Gott befohlen. Eure Milli
Erklärung: Emilie Agnes Schöffend stammt von Hof Nr. 75, heiratet auf Hof Nr. 81. |
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