Bericht J. Wolba

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Ausschnitte aus der Autobiographie von Franz Josef Wolba Nr. 132:

...Die Musterung wurde von einer Kommission vorgenommen, bestehend aus: 1 Offizier, der Ortsleiter, einem Arzt und 2 Sanitäter. Hier sagte man uns, daß wir am 23 Juni 1943 von Schäßburg aus nach Deutschland gefahren werden sollten. So war es dann auch, an diesem Tag fuhren wir mit Pferdewagen nach Schäßburg zum Bahnhof. Das ganze oder fast das ganze Dorf kam nach Schäßburg. Viele von denen die nun nach Deutschland fahren sollten ahnten nicht, daß sie nicht mehr wieder in die Heimat zurück kehren sollten. In Schäßburg auf dem Bahnhof standen nun alle Familien, mit Tränen in den Augen und die Eltern gaben ihren Söhnen, welche wegfahren sollten, noch gute Ratschläge auf die Reise und für die Zukunft. Meine lieben Eltern und meine lieben Geschwister wünschten mir die Gesundheit und eine gesunde Heimkehr aus dem Krieg.

Es wurde noch schnell ein Foto gemacht und zuletzt sagte mein lieber Vater zu mir:

"Mein lieber Sohn, ein Sprichwort heißt:

Geld verloren nichts verloren, Mut verloren viel verloren, Ehre verloren alles verloren.

Lieber Seppi achte darauf, daß Du immer ehrlich bleibst." 

Dann ertönte die Lokomotive und der Befehl hieß durch den Lautsprecher: alle einsteigen! Man machte sich frei aus den Armen der Lieben und man stieg in die Viehwaggons mit welchen wir dann wegfuhren. ...

...An den Wochenenden hatten wir frei, außer dem Wachpersonal, und durften in die Stadt spazieren gehen und einige schöne Orte in der Stadt besichtigen. Einmal auf unserem Spaziergang (wir waren zu dritt: Schöffend Will, Gunnesch Georg "Tuasemeachel" und ich als Dritter im Bunde) da trafen wir den Borger Georg 112. Der arbeitete in einer Butterei in Grafenwöhr. Oh, war das ein Freund. Wir verbrachten dann den ganzen Nachmittag bei Borger. Wir aßen Brot mit Butter und tranken Bier. Es war eine schöne Unterhaltung unter vier Jakobsdorfer. Bevor wir uns auf den Weg zur Kaserne machten bekamen wir von Borger jeder 1 kg Butter. Das tat sehr gut eine Zusatzportion zu haben. ...

...Unsere Batterie hatte Waffen reinigen. Gleich neben unserer Batterie lagerte eine Pioniereinheit. Bei dieser Einheit diente der Johann Kreuzer Nr. 52. Auch sie hatten Waffen reinigen. Wir konnten gut hinüberschauen zu ihnen. Auf einmal krachte es und unser Freund und Landsmann Kreuzer Hans war tot. Sie hatten frische Handgranaten bekommen (Italienische) es waren runde Dinger, man hieß sie Eierhandgranaten (wir hatten bei unserer Batterie deutsche Stillhandgranaten). Diese frischen Eierhandgranaten hatten den Hans Kreuzer zu sehr interessiert und seine Neugierde hatte ihm keine Ruhe gelassen bis er sie öffnen wollte. Beim öffnen explodierte das Ding und zerriß ihm den Leib, Gedärme und den Brustkorb. Hans Kreuzer war auf der Stelle tot. Kurze Zeit danach hatten wir wieder einen Jakobsdorfer Kameraden verloren. Es war Johann Häner Nr. 24. Dieser diente bei der Nachschubeinheit Mitke. Er war ein ganz gewissenhafter Autofahrer. Er führte Kriegsmaterial nach vorne. Er war mit seinem Wagen fertig beladen gewesen, da hatten sie Beschuß (Artilleriefeuer) und es war nicht ratsam weg zu fahren. Aber er hätte gesagt ich muß fahren die Kameraden haben keine Munition mehr. Von seinen Kameraden nicht zu halten war er weggefahren. Kaum war er abgefahren gewesen, hatte seine Maschine einen Volltreffer erhalten und unser guter Kamerad Johann Häner war auf der Stelle tot gewesen. Dies war für mich ein harter Schlag gewesen ganz in meiner Nähe zwei Jakobsdorfer Kameraden zu verlieren. ...

 

...Am 23 auf 24 Dezember 1943

In diesem Kampf traf ich auch den Georg Klockner 98i. Dieser wurde im Nahkampf durch Bajonetstiche getötet. Es war sehr schwer für mich einen Jakobsdorfer Kameraden liegen zu lassen, aber es bestand keine Möglichkeit in dieser Kampfzeit ihn heraus zu holen. Diese Nahkampfschlacht wurde am 24. Dezember am Abend beendet. Es hatte dort viele Tote und verwundete gegeben. Unsere Batterie hatte 11 Tote in dieser Schlacht registriert. Als wir Übriggebliebenen zur Einheit zurück kamen sahen wir in unserem Bunker einen mit Papierstreifen geschmückten Tannenzweig und unter diesem brannte ein kleines Hindenburg-Licht (das waren kleine Wachslichter). Es war Heiligabend. Mit wehem Herzen kniete ich vor das Tannenzweiglein nieder, betete ein Vaterunser und dankte dem lieben Gott weil er mich beschützt hatte und diese harten Stunden überleben gelassen hatte. Ich dachte an Weihnachten zu Hause, an all meine Geliebten in der Heimat. Es war ein schwerer Abend für mich. In dieser Heiligennacht war Waffenstillschweigen. Auch am 1. Weihnachtstag wurde beiderseits Waffenstillschweigen bewahrt. ...

...Ich kam am 31. 12 abends um 12 Uhr in Schäßburg an.

Ich ging auf den kleinen Bahnhof und wollte mir eine Fahrkarte kaufen bis nach Jakobsdorf. Der Beamte im Bahnhofsbüro sagte mir der Zug würde erst am anderen Morgen fahren, da er nach der neuen Verordnung immer nur den zweiten Tag fahren würde. Ich wollte nicht bis am anderen Tag warten und machte mich zu Fuß auf den Heimweg. In Schäßburg waren viele Russen, sie waren alle auf der Straße und schossen aus allen Gewehren und Pistolen in das "Neujahr 1947." Ich wich ihnen aus so gut ich konnte und kam gut aus Schäßburg hinaus.

Nun schritt ich die Straße entlang. Als ich nach Schaas kam sah ich am Ende des Dorfes in einer kleinen Nebenstube noch Licht. Ich ging zum Fenster und wollte hören in welcher Sprache man spricht. In die Stube hineinguckend, schaute ich daß man dort tanzte, da die Fenster beschlagen waren vom Dunst, konnte ich nicht erkennen was für eine Tracht es war. Da kam vom Nachbarn ein alter Mann und ein kleiner Junge und gingen in diesen Hof hinein. Da fragte der Junge auf sächsisch, "Großvater, wer war der Mann?" Als ich sächsisch reden hörte, ging ich in den Hof und sagte: "He Batju, bleift stiun." Er blieb mit dem Jungen stehen und ich sagte ihm, daß ich aus der Gefangenschaft käme und mich auf dem Heimweg nach Jakobsdorf befände. Er beglückwünschte mich und fing an zu weinen denn sein Sohn war im Krieg gefallen. Nach kurzem Schluchzen sagte er, "Na komm wir gehn hinein die Jugend feiert hier Sylvester. Als wir hinein kamen, da kamen zwei Mädchen zu mir und begrüßten mich, ich kannte sie noch vor dem Krieg aus der Jugendzeit. Eine hieß man Sofia Schneider (man nannte sie in Schaas Fiki), es war die Schwester von meinem Freund Andreas Schneider mit welchem ich zusammen beim rumänischen Militär gedient hatte. Die andere hieß Schuller Kathi, sie war die Freundin von Fiki. Diese beiden Mädchen erzählten mir in Kurzform wie die Lage im Sachsenland war. Sie bedienten mich mit Gebäck und Wein und erklärten den anderen wer ich sei. Ich hatte Eile und wollte gehen. Da sagte der Hoführer von der Fiki wir kommen mit und begleiten dich aus Schaas hinaus. So war es dann. Alle Jugendliche die anwesend waren kamen mit mir bis ans Dorfende. Nun sagte ich Danke, wünschte ein glückliches Neujahr und marschierte meinen Weg weiter.

Die Nacht war still geworden, ganz still. Ich kam nach Trapolt. Auch hier in Dorf herrschte Stille. Hier hörte ich den Nachtwächter in sein Horn blasen. Er gab drei lange Töne. Nun wußte ich, dass es 3 Uhr war und schritt weiter. Von der Trapolder Höhe bis nach Henndorf machte ich Laufschritt. Durch Henndorf und später durch Neithausen kam ich in aller Ruhe durch und marschierte weiter auf Jakobsdorf zu.

Ich war auf dem Bahnhof angelangt und setzte mich auf den Eckstein der Brücke beim Straßeneingang nach Jakobsdorf. Hier saß ich ca. 5 Minuten und hörte aus dem Dorf die Hähne krähen. Ich ging mit gemischtem Gefühl ins Dorf. In meinen Gedanken: “wie wirst Du es finden, dein Zuhause?”

In meinem Grübeln stand ich plötzlich vor meines Vaters Haus. Ich klopfte an die Wand. Es kam niemand an das Fenster und immer wieder klopfte ich, aber immer vergebens. Im Hof bellten drei Hunde. Ich dachte, deine Eltern können hier nicht mehr wohnen, weil wir ja nie Hunde gehabt hatten. Da kam der Martin Grommes von unserem Nachbarn heraus (der hofürte damals seiner Frau Emilie Rau unserer Nachbarin) und fragte auf rumänisch was willst Du von den Leuten, warum klopfst Du so viel. Ich hatte ihn an der Stimme erkannt (es war noch dunkel) und sagte,:

"He, ich bins der Sepp, ich bin nach Hause gekommen und es will mir niemand öffnen. Sind meine Eltern noch da?"

Mein Vater hatte sächsisch sprechen gehört und kam ans Fenster mit den Worten, "Wer ist da, was ist los?"

Ich sagte: "Vater komm mach mir auf ich bin nach Hause gekommen."

Dann sagte er zu meiner Mutter, "Tritz, aas  Seppi ias heimen kun!"

Er kam mit meinem Bruder Gusti und öffneten das Tor. Es war so schön in diesen sauberen Morgenstunden in ihren Armen zu liegen, dann kam auch meine Mutter und begrüßte mich. Nach langen Umarmungen gingen wir dann endlich ins Haus. Meine erste Frage war, "Wo ist meine Schwester, und wie geht es Ihr?" Sie konnten mir nicht viel berichten als daß Sie im Kohlenbergwerk arbeite und noch gesund sei. Wir saßen dann in der großen Stube am Tisch, aßen und tranken, wünschten uns gegenseitig ein glückliches, gesundes Neujahr 1947 und ich war nun am erzählen, bis das Wasser zum baden heiß geworden war, welches meine liebe Mutter aufgesetzt hatte. Ich war so hundemüde und entschuldigte mich. ...

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