1948 Speckturm

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    Bericht über den Speckturm

    Pfarrer Wilhelm Wagner (Pfarrer in Jakobsdorf 1940 - 1952)

Ursprünglich sollte dieser Turm in der mittelalterlichen Kirchenburg von Jakobsdorf die Einwohner dieses sächsischen Dorfes im Haferland Siebenbürgens vor den türkischen Raubeinfällen schützen. Ob er diesen Zweck jemals mit Erfolg erfüllt hat, ist nicht überliefert. In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts diente er schon seit vielen Jahren als größte Speckkammer der Gemeinde. Er lag auf der Nordseite der Kirchenburg, stand auch im heißen siebenbürgischen Sommer an der kühlsten Stelle und der Speck hielt sich tadellos bis in den Herbst hinein und diente den Specksachsen als wichtigstes Proviant bei der Feldarbeit. Noch heute läuft mir das Wasser im Mund zusammen, wenn ich an den Wohlgeschmack dieser, mit Brot und Zwiebeln zu verzehrenden „Kalorienbombe“ denke.

Als ich im Herbst 1947 aus Russland heimkehrte und meinen Dienst als Pfarrer in Jakobsdorf wieder antrat, war der Speckturm nur noch spärlich besetzt, denn die Agrarreform der Kommunisten hatte aus den sächsischen Bauern Landarbeiter gemacht, die im Herbst, so gegen Weihnachten, nur selten mehr als ein Schwein schlachten konnten. Zucker war auch kaum zu haben, es war die Zeit des Zuckerrübensirups, mit dem man herrlichen Honigkuchen für die Weihnachtsbescherung der Kinder backen konnte. Im Vergleich zu den früheren Zeiten war Schmalhans Küchenmeister. (Redewendung = Armut)

Auch in der Kirchenkasse war Ebbe. Dabei musste die Kirche auch die Schule erhalten und die Lehrergehälter durch Kirchenbeiträge aufbringen. Die Bemessung der Kirchenbeiträge war für alle sächsischen Gemeinden damals ein sehr schwieriges Problem. Das Presbyterium hatte sich alle Mühe gegeben, um die Lasten gerecht auf alle Gemeindeglieder zu verteilen. Als der Haushaltsvoranschlag für das Rechnungsjahr 1948/49 in der Gemeindevertretung beraten wurde, war es schon April. Es regnete Bindfäden und es war ein trüber Sonntag Nachmittag, an dem wir nach vierstündiger Beratung endlich den Haushaltsvorschlag zum Beschluss erhoben hatten.

Da war aber noch ein Punkt auf der Tagesordnung:

    Die dringende Reparatur des Dachstuhls auf dem Speckturm.

Der Kirchenvater berichtete, dass wir alle Kirchengebäude auf ihren baulichen Zustand untersucht haben und dabei feststellen mussten, dass die „Wandrute“ – das ist ein starker Balken auf der Turmwand, der den ganzen Dachstuhl trägt – so stark verfault ist, dass er ersetzt werden muss, sonst besteht die Gefahr, dass das Dach demnächst zusammenstürzt. Es muss also noch eine Sonderumlage zur Reparatur von der Gemeindevertretung beschlossen werden. Was? Noch eine weitere Belastung der Gemeindeglieder? Das war zu viel. Es entstand ein Tumult. Man konnte auch aus dem Munde des alten verständigen Schulrektors den Einwurf hören, man brauche den Speckturm nicht mehr und aus einer anderen Ecke war die Meinung zu hören, der Turm stehe schon seit vielen hundert Jahren, er wird noch eine Weile halten, bis wir besser bei Kasse sind. Und wenn er zusammenfällt, was macht`s, man braucht ihn ja doch nicht mehr. Vergeblich gaben wir zu bedenken, dass bei einem Zusammensturz auch die Ziegeln zu Bruch gehen und die Kosten dann wesentlich höher sein werden. Da gab es mitten in diesen Meinungsstreit und unsere Ratlosigkeit hinein: Rrrrrums----, einen furchtbaren Krach. Als wir die Türe aufstießen, um nach der Ursache des Krach’s zu sehen, hörten wir nur:

    „Der Speckturm ist zusammengefallen“.

Die Last des alten bemoosten Ziegeldaches war durch andauernden Nieselregen zu schwer geworden und hatte gerade in dieser kritischen Stunde den verfaulten Balken auseinandergedrückt. Jetzt dauerte es nur noch wenige Minuten bis die Mittel für die Reparatur des Turms bewilligt waren. Er wurde gründlich repariert, und weil er als Speckkammer nicht mehr gebraucht wurde, ist er, nachdem auch die Schule vom Staat enteignet worden war, zu einem Raum umgestaltet worden in dem Konfirmandenunterricht, Bibelstunden, Chorproben, Sitzungen und andere Veranstaltungen der Gemeinde abgehalten werden konnten.

    Bericht von

    Johann Schuff (Kurator in Jakobsdorf 1977 - 1987)

Mit den Mitteln welche uns 1949 zur Verfügung standen, konnten wir den Speckturm so herrichten, daß man dort zusammen kommen konnte. Das Dach wurde vor allem andern gut in Stand gesetzt, denn das hatte am meisten gelitten. An der Decke waren dicke krumme Balken, welche bleiben mußten. Die Wände wurden zum größten Teil neu beworfen (gegipst) und dann mit Kalkmilch überstrochen. Wir hatten ihn den Betsaal getauft.

Pfarrer Wagner brachte von Schäßburg, wo sein Vater Stadtpfarrer war, ein gut erhaltenes Altarbild, welches dort nicht mehr gebraucht wurde. Dieses Bild wurde an die Stirnwand abgebracht und so hatte der ganze Raum eine eigene, feierliche Atmosphäre.

Nachdem wir diesen Betsaal nun fast 30 Jahre benutzt hatten, sah er nicht mehr gut aus. Das viele Salz, (der Turm war ja viele Jahrezehnte als Speckturm benutzt worden) drang durch den Bewurf an den dicken Mauern durch und die Balken an der Decke waren auch nicht schöner geworden. So entschlossen wir uns im Presbyterium, das war Ende der siebziger Jahre, unseren Betsaal ein moderneres Aussehen zu geben.

Aus Schäßburg brachten wir Fabriks-Mauerziegeln, um neben den dicken Turmwänden dünne Wände hochzuziehen, mit einem Zwischenraum von cc. 15 cm. zu den alten Wänden. Eine neue Tür wurde noch eingebaut und auch die Fenster gründlich repariert. Die krummen Balken an der Decke verkleideten wir mit schön gehobelten Brettern. Auch der Fußboden wurde erneuert und zum Schluß kam ein guter Gußofen herein, welcher gute Wärme spendete.

Aber bei diesen Reparaturarbeiten ergaben sich auch einige Probleme. Als wir für die neuen Mauern den Grund graben sollten, stellten wir fest, daß da überhaupt keine feste Erde war, sonder nur loser Schutt. Unter dem Speckturm war zu früheren Zeiten ein Schopfen, welcher jetzt mit Schutt ausgefüllt war, welcher von dem eingebrochenen Dach des Turmes angefallen war. Da war guter Rat teuer. Es kam der Bautechniker vom Landeskonsistorium und wir kamen überein daß wir einige Pfeiler aus Beton bis zu dem festen Grund gießen sollten, auf diese Pfeiler eine Betondecke und dann darauf die Mauern hochziehen. So machten wir es auch, aber es gehörte viel guten Willen und Ausdauer dazu. Bis der Winter kam, war auch unser Betsaal fertig. Frau Pfarrer Kraus schenkte der Gemeinde ihr Klavier, welches wir hinüber brachten und zu Ehren des in Österreich verstorbenen Petrus Duldner schenkte seine Tochter Emma mit ihrem Mann Georg für den Saal eine moderne Neonbeleuchtung.

Wir sind dann immer sehr gerne hier zusammengekommen. Der Kirchenchor und die Adjuvanten hielten hier ihre Proben, Herr Pfarrer hielt hier Konfirmandenunterricht und auch die Sitzungen der Gemeindevertretung fanden hier statt. So hat dieser Betsaal mehr denn 10 Jahre, bis zu dem großen Exodus der Jakobsdorfer Sachsen in den Jahren 1990 - 1992 gute Dienste geleistet.

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