1940 Pfarrer Wilhelm Wagner

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Die kirchliche Trauung und damit verbunden die eigentliche Hochzeit fand dann am 28. April 1940 in Schäßburg statt. Das war gleichzeitig auch der Tag meiner Wahl zum Pfarrer von Jakobsdorf, und die Kirchenväter und Kurator Georg Häner Nr. 115 brachten den Wahlbrief auf die Hochzeit, wodurch diese zugleich auch zum “Strempel” ausgebaut wurde.

Am 8 Mai 1940 wurde ich von Bischofsvikar D. Friedrich Müller ordiniert und am 23 Mai durch Dechant Edmund Gräser in Jakobsdorf präsentiert. Am vorhergehenden Sonntag, dem 19. Mai fand die feierliche Einholung nach altem Brauch statt.

Ich fuhr mit meiner jungen Frau von Schäßburg mit einem Auto bis an die Hattertgrenze von Jakobsdorf, wo die beiden Kirchenväter Johann Gunnesch und Johann Wagner mit einer von sechs Pferden bespannten mit Blumengirlanden geschmückten Kutsche und dem Reiterbanderium der ganzen Bruderschaft auf uns warteten. Kirchenvater Gunnesch begrüßte mich mit einer kurzen Rede, für die ich dankte und dann meine erste geistliche Amtshandlung, den sog. “Hattertsegen” erteilte. Dann ging die Fahrt in der Kutsche weiter. Am Dorfeingang standen die Schulkinder, Altrektor Martini hielt eine Begrüßungsrede für die ich wieder dankte und dann ging die Fahrt weiter bis vor das Pfarrhaus, wo die ganze Gemeinde mit dem Presbyterium an der Spitze die dritte Begrüßung vornahm. Kurator Georg Häner Nr. 115 sprach die Begrüßungsworte und ich dankte, wobei sich herausstellte, dass er der bessere Redner war und mehr zu sagen hatte als ich Grünling.

Diese Erfahrung hat dann bewirkt, dass ich mich für die zwei von mir am Tage der Präsentation zu haltenden Reden, besser vorbereitete. Sie sind mir heute noch in ihren Hauptgedanken in Erinnerung. Vor der verschlossenen Kirchentür überreichte mir Kurator Häner die Kirchenschlüssel und bat mich in wohlgesetzter Rede, das nun mir anvertraute Gotteshaus aufzusperren und die versammelte Gemeinde einzulassen, damit sie Gottes Wort höre und beherzige. Ich dankte für das mir gleichsam als unverdienten Vorschuß geschenkte Vertrauen und bat die Gemeinde dieses Vertrauen mit ihrer Fürbitte für mich zu begleiten, denn ohne den Beistand Gottes, sei ich nicht imstande, den mir anvertrauten Schatz zu verwalten. Die irdischen Schätze verwahre man meistens hinter Schloß und Riegel, damit sie nicht abhanden kommen. Den Schatz der Kirche aber dürfte man nicht versperren, sonst ginge er verloren. Der Schatz des Evangeliums von Jesus Christus, den ich nun hier zu verwalten habe, hat die sonderbare Eigenschaft, sich gerade dann zu vermehren, wenn man ihn immer wieder unter die Leute austeile. Darum sperre ich jetzt die Kirche auf und hoffe, dass die Gemeinde immer wieder, wenn die Glocken rufen, herbeieilt, um den Schatz des Wortes Gottes auch aufzuheben und weiter zu tragen, damit er nicht vergeblich vor leeren Kirchenbänken ausgestreut wird.

Die zweite Rede, die ich zu halten hatte, war die Schlussrede beim Festessen im großen Saal. Nachdem ich für die Glückwünsche der vielen Vorredner gedankt hatte, erzählte ich von meiner ersten Ausfahrt zum Studium im Ausland. Als mein Vater bei der Abendandacht mich fragte, welches Lied wir zum Abschied singen sollten, bat ich um das Lied: “So nimm denn meine Hände und führe mich...”.

Eine andere Bitte habe ich auch diesmal am Anfang meiner Berufung in das Amt eines Dieners am Wort nicht vorzubringen. Der in Mitteleuropa ausgebrochene Krieg weitet sich immer mehr aus und wir wissen nicht, was uns die Zukunft bringen wird. Wir wissen nur eines, Gott sitzt im Regiment, ihn wollen wir bitten, uns an der Hand zu nehmen und uns zu führen, ihm wollen wir vertrauen, “...bis an ein selig Ende und ewiglich.”

Die Nachrichten vom Soldatentod der eingezogenen Männer trafen ein und ich ließ für jeden Gefallenen unserer Gemeinde ein Kreuz und Täfelchen aus Eichenholz anfertigen, dass dann an der Wand im Chor der Kirche seinen Platz erhielt, wenn die Gedenkfeier abgehalten wurde. Sie befinden sich auch heute noch an ihrem Platz und ersetzen auf diese Weise ein Kriegerdenkmal, das ohnehin nie hätte errichtet werden können. Die Gedenkfeiern fanden jeweils mit Abendmahl statt und die Gefallenen waren mit ihrem Kreuz und Namensschild in der Schar der vollendeten Gemeinde gleichsam mit am Tisch des Herren.

Auffallend ist auch, dass die Jakobsdorfer wenig Hemmungen haben “gegen den Stachel zu löcken”, also gegen die Obrigkeit aufzumucken. Das bekommt auch der Pfarrer immer wieder zu spüren. Der Jakobsdorfer kommt sehr schnell auf den Pfarrhof, um sich gegen ein vermeintliches Unrecht zu beschweren. Zum Beispiel gegen die Behandlung der Kinder in der Schule oder im Konfirmandenunterricht.
Man geht auf den Pfarrhof “verweisen”. Dabei muss der Pfarrer darauf gefaßt sein, Dinge zu hören, die ihm in einer andern Gemeinde kaum an den Kopf geworfen werden. Ich habe ihnen das öfters mit den Worten vorgehalten: Wenn der Jakobsdorfer auf den Pfarrhof kommt und mit den Worten begintn “Herr Pfarrer, sie sollen entschuldigen”, dann sagt er bestimmt etwas, was man eigentlich nicht entschuldigen kann.
In Jakobsdorf konnte man aber immer damit rechnen, Verständnis für allerlei fortschrittliche Unternehmungen und Neuerungen zu finden, doch mußte man genau so sicher sein, bei allen Vorhaben eine harte Opposition zu haben, die allerdings meistens in ererbten Familien-Rivalitäten und nicht sachlich begründet waren. Trotzdem sind die Jakobsdorfer nicht lange nachtragend. So rasch er im Zorn entflammt, kann er auch wieder vergessen, sein schnelles Aufbrausen bedauern und wieder zur Tagesordnung übergehen, indem er ein deutliches Zeichen setzt, mit dem er Beleidigungen wieder zurücknimmt.

Das mir der Abschied (1952) von meinen Freunden damals schwer gefallen ist, ist wohl verständlich. Wir haben am Abend vor der Abfahrt bis tief in die Nacht noch zusammengesessen und die haben uns am nächsten Morgen alle geholfen, die Möbel in den Umzugswagen zu packen, und winkten alle lange nach als wir die Hintergasse hinunterfuhren. Wenige Tage später war dann die Präsentation in Großpold und aus Jakobsdorf waren der Herr Kurator Häner, Kirchenvater Heinrich Girst und auch Gevatter Philp auch gekommen. Kurator Häner hielt an der Festtafel wieder eine gehaltvolle Rede, aus der mir noch der Satz in Erinnerung ist:
 “Wenn Jakobsdorf nicht nur einfach Jakobsdorf heißen würde, sonder Großjakobsdorf, dann hätten wir den Herrn Pfarrer sicher nicht nach Großpold weggelassen.”

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