Weihnachten

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Die letzten Tage vor Weihnachten waren immer mit etwas Geheimnisvollem erfüllt. Unsere Wünsche an den Weihnachtsmann hatten wir schon längst aufgeschrieben. Wie der Christbaum aber in die vordere Stube kam, konnten wir uns nicht erklären. Wenn der Weihnachtsmann, mit Mantel, langem Bart, Sack und Rute, an die Türe klopfte, zitterten wir Kleinen, doch ein wenig. Nachdem wir aber unsere Gedichtchen gesagt oder unsere Gebete gebetet hatten, entpuppte er sich als ein freundlicher Mann und als die Eltern auf seine Frage, ob wir denn auch artige Kinder seien, mit Ja geantwortet hatten, öffnete er seinen Sack und wir wurden mit Äpfel, Nüssen und anderen guten Sachen beschenkt. Die Rute hätte er gar nicht gebraucht, aber sie gehörte eben dazu. Als er aber ging, waren wir doch beruhigt.

Der Frauenverein hat im Laufe seines Bestehens sehr viel Segensreiches gemacht. Er wurde im Jahre 1883 in Jakobsdorf gegründet, durfte nach dem letzten Krieg unter diesem Namen nicht mehr bestehen, wirkte aber unter anderem Namen bis im Jahre 1990 weiter. Eine seiner selbstgestellten Aufgaben war auch die Christbescherung der Kinder der ganzen Gemeinde, welche jedes Jahr am Heiligen Abend in der Kirche erfolgte, zum erstenmal im Jahre 1885.

Die Ausschussfrauen begannen schon Anfang Dezember mit den Vorbereitungen. Dazu gehörte auch das Backen des sogenannten “Himmelbrotes”, mit einem Doppeleisen in rechteckiger Form, ca. 10/18 cm, mit zwei langen Griffen. Dieses Eisen wurde über offener Flamme, natürlich mussten auch glühende Kohlen sein, erhitzt, dann flüssiger Teig auf die untere Platte des Eisens gelegt, welches dann schnell auf das offene Feuer gehalten und fest zusammengedrückt wurde. Es war gar nicht so einfach dieses Himmelbrotbacken, aber jede Frau hatte den Ehrgeiz besonders schönes zu backen. Hier halfen auch die Kinder mit, indem sie den an den Rändern des Eisens herausgedrückten und auch irgendwie gebackenen Himmelbrotes abschnitten. Dann wurden je 5 Plättchen in einem Bündel zusammengebunden. Von diesen Bündeln wurden 10 - 15, je nach Bedarf, gebacken.

Die Ausschußfrauen trugen diese zu einem festgesetzten Zeitpunkt auf den Pfarrhof, wo dann unter der Anleitung der Pfarrerin Kuchen gebacken wurde. Die Kinder in der Gemeinde, vom ersten Tag bis zur Konfirmation, wurden gezählt und dann die Päckchen vorbereitet.

Einige Tage vor dem Fest holten die Kirchenväter aus dem Wald eine schöne große Tanne, oder auch eine Föhre. Wenn die Möglichkeit bestand wurde der Baum auch gekauft. Sie setzten ihn dann in ein festes Holzkreuz, befestigten ihn gut und stellten ihn dann in den Chorraum der Kirche auf. Nun waren die Frauen dran, welche den Baum schön schmückten und auch viele viele Kerzen anbrachten, in den letzten Jahren auch Wunderkerzen. Die Ausschussfrauen stellten die Körbe mit den Geschenkpäckchen für die Kinder unter den Weihnachtsbaum.

Der Gottesdienst am Heiligen Abend war ja mehr oder weniger ein Kindergottesdienst, oder sagen wir er war auf die Kinder fixiert, stand ja im Mittelpunkt die Geburt des Jesuskindleins. Die Kinder wurden schon Wochen vorher darauf vorbereitet; vor dem letzten Weltkrieg von den Lehrern, nachher war es die Aufgabe des Pfarrers. Trotz der vielen Hindernisse, welche das kommunistische Regime der christlichen Erziehung der Kinder in den Weg legte, gelang es den Verantwortlichen immer wieder den Heiligen Abendgottesdienst gut vorzubereiten.

Die Kinder freuten sich noch immer auf Weihnachten, trotz der atheistischen Erziehung. Die Lehrer, unsere Lehrer, waren gezwungen einige male, trotz der Ferien, sie zusammen zu rufen um sie am 24-ten Dezember zu beschäftigen. Sie sollten eben nicht zum Heiligen Abendgottesdienst gehen können. Wenn die Lehrer sie dann um 18 Uhr frei ließen, dann stürmten sie alle in die Kirche. Manchmal war es sogar verboten Christbäume in den Häusern Zuhause aufzustellen. Leute aus der Partei gingen reihum, um zu sehen, ob dieser Befehl auch befolgt wurde. Das war aber bloß in den 1950-ger Jahren. Später wurde es irgendwie stillschweigend geduldet. Weihnachten und die anderen kirchlichen Hochfeste waren und blieben bis zum bitteren Ende des kommunistischen Regimes, Arbeitstage, ganz normale Arbeitstage.

Der Kirchenchor, also die Jugendlichen, konfirmierten Mädchen und die Adjuvanten, probten fleißig für die Weihnachtsgottesdienste. Ein Gottesdienst ohne Chor war schwer denkbar.

 

Um 6 Uhr Abends läuteten die Glocken und jung und alt strömte in die Kirche, um ja noch einen Platz zu bekommen. In den 1920-ger und 1930-ger Jahren gab es noch kein elektrisches Licht in Jakobsdorf. Es wurde erst im Jahre 1956 eingeführt. Wenn die Leute am Heiligen Abend in die Kirche gingen, hatten sie immer die mit Petroleum gefüllte Sturmlampe dabei. Diese stellten sie im Gottesdienst neben sich auf die Bank und hatten auch hier Licht

Die Kirchenväter und ihre Helfer, meist ihre erwachsenen Söhne, zündeten die Kerzen am Weihnachtsbaum an. Dann kamen die Kinder, man hatte sich in den Schulklassen versammelt, mit dem Lehrer und nahmen in den vorderen Bänken in der Kirche Platz.

Der Chor sang sein erstes Lied und dann wickelte sich der Gottesdienst in chronologischer, altbewährter Folge ab.

Tochter Zion, freue dich,
jauchze laut, Jerusalem!
Sieh, dein König kommt zu dir;
ja, er kommt, der Friedefürst.
Tochter Zion, freue dich,
jauchze laut, Jerusalem!
 
Hosianna, Davids Sohn,
sei gesegnet deinem Volk!
Gründe nun dein ewiges Reich,
Hosianna in der Höh!
Hosianna, Davids Sohn,
sei gesegnet deinem Volk!
 
Ewig steht dein Friedensthron,
du des ew’gen Vaters Kind!
Hosianna, Davids Sohn,
sei gegrüßet, König mild!
 
Text: Friedrich Heinrich Ranke 1798 - 1876
Mel.: Georg Friedrich Händel 1747

Brich an, du schönes Morgenlicht!
Das ist der alte Morgen nicht,
der täglich wiederkehret;
ein Licht von dem, der ewig wacht,
durchbricht die lange, finstre Nacht,
ein Tag, der ewig währet.
 
Es ist ein König aller Welt,
von Ewigkeit zum Heil bestellt,
ein zartes Kind geboren.
Er hat mit seiner Liebesmacht
den Fluch gelöst, wiedergebracht
das Reich, das war verloren.
 
Wer ist nun, der noch sorgt und sinnt?
Geboren ist uns heut ein Kind,
das Aller Heil soll werden.
Willkommen, du ersehnter Held,
du Licht und Trost der ganzen Welt,
willkommen uns auf Erden!
 
Text: Max von Schenkendorf 1783 - 1817
Mel.: Nikoaus Hermann 1560
 
 
Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
 
Lasst uns beten
           
          Lob sei dir, o Christe

Es ist ein Ros entsprungen
aus einer Wurzel zart,
wie uns die Alten sungen,
von Jesse kam die Art
und hat ein Blümlein bracht
mitten im kalten Winter
wohl zu der haben Nacht.
 
Das Röslien, das ich meine,
davon Jesaja sagt,
hat uns gebracht alleine
Marie, die reine Magd;
aus Gottes ew’gem Rat
hat sie ein Kind geboren,
das uns angelacht hat
 
Text: aus Mainz 1585
Mel.: aus Köln 1599
 
 
Vom Himmel hoch da komm ich her,
ich bring euch gute neue Mär:
der guten Mär bring ich so viel,
davon ich singn und sagen will.
 
Euch ist ein Kindlein heut geborn
von einer Jungfrau auserkorn,
ein Kindelein so zart und fein,
das soll eur Freud und Wonne sein.
 
Es ist der Herr Christ, unser Gott
der will euch führen aus aller Not,
er will eur Heiland selber sein,
von allen Sünden machen rein.
 
Er bringt euch alle Seligkeit,
die Gott der Vater hat bereit’,
daß ihr mit uns im Himmelreich
sollt leben nun und ewiglich.
 
Text: Martin Luther 1483 - 1546
Mel.: Martin Luther 1539

Es folgte die Predigt des Geistlichen, als Mittelpunkt “das Geschehen vor 2000 Jahren in Bethlehem” und dann die so ergreifenden Lieder: “Oh du fröhliche” und “Stille Nacht, heilige Nacht”, von der Gemeinde mit großer Begeisterung mitgesungen, es war jedes Jahr ein neues Erlebnis.

Oh du fröhliche, o du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit!
Welt ging verloren, Christ ward geboren:
Freue, freue dich, o Christenheit!
 
Oh du fröhliche, o du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit!
Christ ist erschienen, uns zu versühnen:
Freue, freue dich, o Christenheit!
 
Oh du fröhliche, o du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit!
Himmlische Heere jauchzen dir Ehre:
Freue, freue dich, o Christenheit!
 
Text: 1 Strophe Johannes Daniel Falk 1768 - 1826
2 und 3 Strophe Heinrich Holzschuher 1798 - 1847
Melodie: aus Sizilien 1789

 

 

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
Nur das traute hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar,
Schlaf in himmlischer Ruh!
 
Stille Nacht! Heilige Nacht!
Hirten erst kundgemacht,
Durch die Engel Halleluja
Tönt es laut von fern und nah:
Christ, der Retter ist da!
 
Stille Nacht! heilige Nacht!
Gottes Sohn, o wie lacht
Lieb’ aus deinem göttlichen Mund,
Da uns schlägt die rettende Stund,
Christ, in deiner Geburt!
    Text: Joseph Mohr (1792 - 1848)
    Mel.: Franz Xaver Gruber (1787 - 1863)

Die Kinder sangen ihre Weihnachtslieder und sagten ihre Gedichte auf und wenn von den Kleinsten auch einige stockten, dann wurde vielleicht die Mutter rot, tat der Sache aber keinen Abbruch.

Alle Jahre wieder
kommt das Christuskind
auf die Erde nieder,
wo wir Menschen sind.
 
Kehrt mit seinem Segen
ein in jedes Haus,
geht auf allen Wegen
mit uns ein und aus.
 
Steht auch mir zur Seite
still und unerkannt,
daß es treu mich leite
an der lieben Hand.
 
Text: Wilhelm Hey (1789 - 1854)
Mel.: Friedrich Silcher (1789 - 1860)

Die alten schönen Weihnachtslieder aus Kindermund, jedes Jahr aufs neue gesungen, dazu die Weihnachtslegende, von den jeweiligen Konfirmanden gesagt und dazu die Weihnachtsgedichte, von kleinen und größeren Kindern vorgetragen, fesselten die Zuhörer immer wieder aufs neue.

 

Unter dem Weihnachtsbaum lagerten die Körbe mit den Geschenken für die Kinder, vorbereitet von den “Ausschußfrauen”.

Der Kurator der Gemeinde trat hervor, wünschte allen Frauen und Männern, allen Jungen und Alten, ein gesegnetes Weihnachtsfest und lud dann die Kinder ein, schön der Reihe nach, zum Weihnachtsbaum zu kommen um ihr Päckchen zu bekommen:

“Unter den unzähligen Lichtern unseres so schönen Weihnachtsbaumes habe ich eure glänzenden Augen gesehen, welche vor Vorfreude leuchten um die Geschenke in Empfang zu nehmen, welche von liebenden Frauenhänden für euch vorbereitet wurden. Denkt daran, dass aus Liebe zu euch, zu uns allen, unser himmlische Vater seinen Sohn zu uns auf die Erde gesandt hat, um uns alle zu erlösen. Kommt schön der Reihe nach und denkt daran, dass die Letzten die schönsten Geschenke erhalten.”

Die jungen Frauen mit den Kleinkindern auf dem Arm kamen auch und bekamen ihr Päckchen für ihre kleinen Lieblinge. Das Gotteshaus begann sich zu leeren und draußen warteten schon die Mütter oder Väter um ihre Kinder in Empfang zu nehmen

 

Und draußen erklang schon die große Glocke und läutete mit wuchtigen Schlägen eine ganze Stunde lang das Christfest ein.

Wenn wir Zuhause, nach unserer kleinen Familienfeier, noch zusammensaßen, hörten wir vom Turm die Adjuvanten blasen. “Großer Gott wir loben dich”, “Allen Gott in der Höh sei Ehr!” und andere Choräle. Dann gingen wir heraus in den Hof, hier hörten wir besser und wenn sie nachher sangen, sagte Großvater: “Hörst du den Borthmes Will, wie schön er singt?”. Dieser hatte nämlich eine prächtige Tenorstimme, welche man gut heraushören konnte.

Wenn die Adjuvanten mit ihrem Dienst, also blasen und singen auf dem großen Turm, ganz oben, fertig waren, wurde “Chrästnocht” gefeiert. Frau Rektor hatte immer einen saftigen Schweinebraten und Wurst vorbereitet und das war dann auch ein kleines Dankeschön für ihre Dienste als Adjuvanten.

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