Ausschnitte aus dem Bericht von Anna Wonner

eingeheiratet nach Jakobsdorf auf Nr. 23

Frühjahr 1945

Noch konnte man sich mit der rauen Wirklichkeit eines von Stacheldraht umzäunten Lagers nicht abfinden

 - Heimweh, Ungewissheit und Hunger -

ständige Begleiter.

Das Maß war noch lange nicht voll. Es war Frühling, doch erhabene Gefühle konnten nicht aufkommen, denn auf dem Bahnhof, wo wir arbeiten mussten, stand ein Waggon mit toten Soldaten. Während der Nacht wurden die schon entstellten Körper ihrer Kleidung beraubt. In unserem Beisein verlud man, unmenschlich und unwürdig die leblosen, nackten Körper auf Lastwagen und nur unsere Tränen, unser Mitgefühl und Trauer begleiteten sie. Es könnte ja auch der Vater, der Bruder oder sonst ein Bekannter darunter gewesen sein. Als 17- jährige erlebt, und die letzten Tränen geweint, die dann für viele Jahre versiegten denn schwere Arbeit, verunglückte Grubenarbeiter, Selbstmord der Schäßburgerin die als Abschied das Gedicht: „Lieber tot als Sklav“ hinterließ, prägten unser Dasein im Laufe der Zeit. ...

In einem abgeschiedenen Raum lagen wir zu sechst mit über 40 Fieber. Medikamente waren Mangelware oder gar nicht vorhanden. Neben mir lag Mietzi aus Schäßburg. Schüller Katharina, die wegen einer Fußverletzung krankgeschrieben war, brachte uns das Essen aus der Kantine. Es blieb unberührt. Auch Häner Sofia mit der ich kurze Zeit Steine geschleppt hatte, besuchte uns; sie wurde eine gute Freundin. Nach tagelangem Ringen zwischen Leben und Tod ging es Mietzi so schlecht. Wir beteten gemeinsam ihr letztes Vaterunser. Am Morgen war ihr, von blauen Flecken gezeichneter Körper kalt, die Seele gegangen in die Ewigkeit. Selber war man keiner Träne mehr fähig. Vergessen kann man es nie. ...

Für uns galt der Wille zum überleben, die Hoffnung auf eine baldige Heimkehr und der Glaube an die Allmacht. Dies gab uns die Kraft die lange, schwere Zeit durchzustehen.