Das Fiasko bei einem Versuch den Blasebalg zu reparieren.

    Bericht von Johann Schuff (Kurator in Jakobsdorf 1977 - 1987)

Wer von uns Älteren zumindest, kennt nicht den Blasebalg in unserer altehrwürdigen Kirche in Jakobsdorf und wer hat nicht schon als Kind versucht ihn zu treten. Er war in dem verdeckten Raum hinter dem Altar und unterhalb vom “Glater” abgebracht und ohne ihn konnte die Orgel nicht gespielt werden. Durch Treten auf ein Brett das rauf und runter ging in einer in einem Brett eingeschnittenen Kerbe, füllte sich der Blasebalg mit Luft, welche die Orgel beim Spielen unbedingt brauchte. Wenn man bei dem Treten nicht aufmerksam war und der Pegel unter den mit rot angezeigten Strich auf dem Brett sank, kam auch schon der Signalton von dem Orgelspieler und schleunigst trat man wieder auf das Brett und der Blasebalg spendete wieder Luft.

Unsere Orgel mußte in ihrem bald 200 jährigen Leben auch einigemal repariert werden. Berichte darüber gibt es. Ob aber der Blasebalg selbst repariert wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Das Treten des Blasebalgs gehörte zu den Pflichten des Burghüters. Georg Böhm Nr. 25, später Nr. 151, war jahrelang Burghüter. Er war auch handwerklich begabt und hat oft auch Reparaturarbeiten an der Kirchenburg und an dem Pfarrhaus getätigt. Vor allem an den Dächern der Türme, der Kirche und des Pfarrhauses waren immer wieder Schäden zu beheben.

Eines Tages, ich war damals Kurator der Gemeinde, sagte er mir: “Der Blasebalg bläst an allen Ecken und Enden. Man müßte ihn einmal reparieren und die Löcher ein wenig zukleben.” Ob wir denn das machen könnten, war meine Frage. Man müßte es versuchen, war seine Antwort. In den Jahren waren Martin Gunnesch Nr. 122 und Johann Gunnesch Nr. 78 Kirchenväter. Beide waren auch gute Handwerker und als ich ihnen von der Reparatur vom Blasebalg erzählte, waren sie einverstanden und meinten: Wir versuchen es.

Wir verabredeten uns am Freitag oder Samstag, es war der 7-te oder 8-te Januar, die Sache anzugehen. Gleich nach dem Mittagessen gingen wir hinauf in die Kirche und nahmen gleichzeitig allerhand Klebzeug und einige Holzstützen mit.

Zuerst traten wir den Blasebalg. Er blies aus allen Ecken. Dann beratschlagten wir, wie wir die Sache am besten angehen könnten. Wir kamen überein, überall dort wo die Luft herauskam, einen Klebestreifen darauf zu kleben. Dafür mußte aber der Blasebalg aufgeblasen gehalten werden. Um dieses zu erreichen versuchten wir einige Holzstützen unter ihn anzubringen. Das gelang uns auch, aber oh weh, die Stützen fielen um, der aufgeblasene Blasebalg viel in sich zusammen und war nun ganz kaputt. Umsonst versuchten wir ihn wieder aufzublasen, es ging nichts mehr. Mit betretenen Gesichtern sahen wir uns an. Was nun? Jetzt gehe ich zu Herrn Pfarrer und sage ihm daß wir den Blasebalg kaputt gemacht haben und daß man morgen Sonntag die Orgel nicht spielen kann, sagte ich und ging auch schon. Hinzufügen muß ich noch, daß er von unserem Vorhaben den Blasebalg zu reparieren nichts wußte, wir hatten ihm nichts gesagt. Das Pfarrhaus ist ja gleich neben der Kirche. Ich ging, klopfte an und ging hinein.

“Guten Tag Herr Pfarrer, wir haben den Blasebalg kaputt gemacht und morgen kann man die Orgel nicht spielen.” Pfarrer Kraus sah mich mit großen Augen an und wußte sich keinen Reim daraus zu machen.

“Mit den Kirchenvätern wollten wir den Blasebalg reparieren, er bläst aus allen Ecken und nun haben wir ihn ganz kaputt gemacht.” So, das war nun heraus, aber was machen wir nun.

Mit dem morgigen Gottesdienst waren wir uns schnell einig, den halten wir eben in unserem geheizten Betsaal. Aber wie geht es weiter? Mein Entschluß stand fest: Montag, den 10 Januar bin ich in der Orgelwerkstatt der Landeskirche in Hermannstadt bei Herrn Binder und bitte ihn unsern Blasebalg zu reparieren. Herr Pfarrer Kraus war einverstanden. So fuhr ich am nächsten Montag mit dem Autobus nach Hermannstadt, meldete mich bei Herrn Binder, trug ihm unser Mißgeschick vor und bat ihn uns zu helfen. Als ich, auf seine Frage, ihm erzählte wie es denn passiert war, lächelte er nur und sagte: “Ja so einfach ist das nun wirklich nicht.” Als er in seiner Kartei, wo er sämtliche Orgeln in unserer Landeskirche registriert hatte, die Karte von der Jakobsdorfer hervorholte, wußte er gleich Bescheid um was für eine Orgel es sich handelte. Natürlich wollte er uns helfen. In seiner Werkstatt hatte er noch zwei Gesellen, einer hieß Schneider und war aus Marpod. Weißt du wo Jakobsdorf ist, fragte ihn Herr Binder? Natürlich, ich habe auch einen Freund dort und habe ihn einmal besucht. Er wohnt neben der Staatsschule. Dann ist die Sache in Ordnung, sagte ich, ich bin nämlich sein dritter Nachbar und auch der zweite Nachbar von der Kanzlei (Bürgermeisteramt). Wir kamen überein, daß er schon am nächsten Tag, also Dienstag den 11 Januar 1983, auch mit dem Bus nach Jakobsdorf kommen sollte, wo er von mir erwartet werden würde. Sie besprachen nun mit Herrn Binder was er alles brauchen würde und mitbringen solle. Als ich von Ziegenleder, gegerbt in Deutschland, hörte, wurde mir klar, daß wir uns die Sache doch ein wenig zu einfach vorgestellt hatten, und daß man dieses Leder innen im Blasebalg aufkleben mußte. Dazu mußte Herr Schneider auch eine elektrische Säge mitbringen, um ein Loch zu schneiden, er mußte ja von innen die Löcher stopfen.

Am nächsten Vormittag, um 11 Uhr, war Herr Schneider in Jakobsdorf. Ich erwartete ihn. Nachdem wir etwas gegessen hatten gingen wir hinauf zur Kirche. Die Kirchenväter waren schon dort. Er besah sich die Bescherung und sein Aktionsplan war auch schon fertig. Haben sie elektrischen Strom in der Kirche? Ja. Dann ist es gut. Er mußte sich ein Loch in den Blasebalg sägen, um hinein steigen zu können. Als er das untere dicke, zumindest 6 Zentimeter dicke Brett zersägte, wunderten wir uns, wie gesund das Holz noch war. Aber noch mehr wunderten wir uns, als er das ausgesägte Stück herausnahm und auf der Innenseite ein Dokument aufgeklebt war, dass er nun allerdings zersägt hatte und von welchem ein Teil noch drinnen im Blasebalg war. Wir machten alle vier große Augen, waren uns auch vollkommen bewußt, daß wir hier einen außergewöhnlichen Fund gemacht hatten. Wir versuchten den Text zu buchstabieren, aber es gelang uns nicht, denn ein Teil von dem Dokument, war ja wie schon gesagt, noch drinnen aufgeklebt. Ich nahm eine Taschenlampe, welche wir dabei hatten, kroch in den Blasebalg herein und versuchte nun den gesamten Text irgendwie zusammenzubringen. Das gelang mir schließlich und der Text hat folgenden Wortlaut:

Nachricht

Dieses Orgelwerk von 10 klangvollen Stimmen, erbaut von Samuel Maetz im Jahre 1802, und ausgefertigt im Monat September. Es kostet zu der Zeit 1100fl. (eintausendeinhundert). Der ehrwürdige Herr Pfarrer Johann Joseph Capesius fungierte als Pfarrer. Meine Gesellen Petrus Hollitzer und Johann Mitrompltz und ich erbauten das neunte immense Orgelwerk.

Unterschrift: unleserlich (wahrscheinlich S. Maetz)

Das Dokument ist eine Schrift mit Tinte auf Papier geschrieben, aufgeklebt inwendig in dem Blasebalg auf dem unteren ca. 6 Zentimeter dicken Holzboden. Nachdem Herr Schneider den Blasebalg nun richtig repariert und die undichten Stellen mit spezial gegerbtem Ziegenfell abgedichtet hatte, gab er das herausgeschnittene runde Stück Brett wieder zurück an seine Stelle und befestigte es gut. Wir aber kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Da hatten wir ein Papier, ein Dokument von großem historischem Wert gelesen, daß vor 181 Jahren der Erbauer unserer Jakobsdorfer Orgel geschrieben und an dieser geschützten Stelle, an der Innenseite des Blasebalges angebracht hatte.

Herr Schneider aber stieg herauf auf das “Glater” und setzte sich an die Orgel und sie erklang wieder wunderschön, so wie wir es schon immer gewohnt waren. Natürlich hatte einer von uns den nun richtig reparierten Blasebalg “getreten”.

“Jetzt gehe ich auf den Pfarrhof, dass Herr Pfarrer den von mir aufgezeichneten Text auf der Schreibmaschine schreibt”. “Für mich auch ein Exemplar”, rief Herr Schneider, “dass ich  es meinem Chef, dem Herrn Binder, mit nach Hermannstadt nehme.”

Weitere Informationen zu Samuel Joseph Maetz siehe externen Link / Verweis.

Weitere Informationen zu der jakobsdorfer Orgel siehe externen Link / Verweis.